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Das Ende der Kernzeiten

Arbeitsalltag flexibler gestalten: Blum-Mitarbeiter sollen Privates und Beruf besser unter einen Hut bringen können.

 

Mit 5639 Beschäftigten in Vorarlberg ist die Blum Gruppe im Kreis der Unternehmen mit Abstand der größte Arbeitgeber im Land. Die „Arbeit der Zukunft“ wird beim Beschlägehersteller mit „Funktionszeiten“ bestritten. Personalmanager Thomas Hagenerklärt die Herausforderung.

 

Die Julius Blum GmbH denkt im Augenblick darüber nach, die Kernarbeitszeiten zu verändern bzw. ganz aufzulösen. Wie weit ist der Prozess gediehen?

Thomas Hagen: In den vergangenen Jahren haben wir in der Verwaltung und Technik mit gleitenden Arbeitszeiten und definierten Kernzeiten gute Erfahrungen gemacht. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten in diesem Rahmen ihren Arbeitsalltag recht flexibel gestalten. Nun gehen wir einen Schritt weiter: Diese „Mindestanwesenheitszeiten“ schaffen wir schrittweise ab und ersetzen sie durch Funktionszeiten.

 

Was heißt das, welches Ziel verfolgen Sie damit?

Hagen: Das heißt, dass sich jede Person, Gruppe und Abteilung fragen muss: Wie wollen wir für andere Menschen im Unternehmen erreichbar sein? Wann sind wir für Besprechungen verfügbar? Welche Vertretungsregelungen haben wir? Wie stellen wir unseren Service für unsere Kunden und Partner weiterhin verbindlich sicher? Wir erhoffen uns von diesem neuen Modell, dass bei uns Beschäftigte noch flexibler agieren und Privates und Beruf gut unter einen Hut bringen können.

 

Lassen sich solche Änderungen auch im Produktionsbereich erwirken? 

Hagen: In der Produktion haben wir vielerorts ein klassisches Schichtmodell mit exakten Zeiten für Beginn und Ende der Arbeit. Ein selbstbestimmtes Kommen und Gehen ist in diesen Bereichen aufgrund der Arbeitsorganisation oft nicht möglich. Trotzdem wollen wir auch in der Schichtarbeit – wo sinnvoll und möglich – mehr Flexibilität ermöglichen. Hier stehen wir noch ganz am Anfang, diskutieren die bestehenden Modelle und probieren neue aus.

 

Das ist aber erst die halbe Miete? 

Hagen: Flexible Zeitmodelle sind für uns bei Blum nur ein Element in einer sich schnell verändernden Arbeitswelt. Wir erproben neue Formen der Zusammenarbeit, mit neuen Aufgaben und Rollen, neuen digitalen Tools und auch neuen Raumkonzepten. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantworten immer mehr Themen und Entscheidungen selbst, die Rolle von Führungskräften ändert sich und unsere täglichen Aufgaben werden komplexer. Kurz gesagt: Unsere Organisation insgesamt ist im Wandel. Diese Veränderungsprozesse begleiten wir intensiv: jedes Team und jede Abteilung ist einzigartig und muss den eigenen Weg finden – und dabei die Bedürfnisse aller Arbeitskräfte sowie die des Unternehmens berücksichtigen.

 

In der Arbeit von morgen wird auch Weiterbildung eine große Rolle spielen.

Hagen: Wir stellen fest, dass nicht nur die Arbeitsformen, sondern auch die Ausbildungswege vielfältiger werden: Lehre nach der Matura, nebenberufliches Studieren, Kurzausbildungen während einer Bildungskarenz, Duale Akademie – all das sind mittlerweile mögliche Modelle, sich beruflich zu entwickeln. Viele Veränderungen sind gerade im Gange: zum Beispiel sind die Automatisierung, Digitalisierung und Vernetzung unserer Prozesse bei Blum große Themen. Manche, wie der Einsatz von künstlicher Intelligenz, stehen uns noch bevor.

 

Die Arbeit verändert sich. Manche Jobs werden in der heutigen Form wohl verschwinden…

Hagen: Es scheint klar, dass einige Jobs morgen anders sein werden als heute. Daher entwickeln wir Maßnahmen, wie wir Fachkräfte und genauso auch ungelernte Arbeitskräfte für die komplexer werdenden Aufgaben der Zukunft vorbereiten.

 

Und wie geschieht das?

Hagen: Bei Blum geht es nicht nur um klassische Ausbildungen und Kurse, sondern auch um „learning on the job“. Wir planen viel Zeit ein, neue Kolleginnen und Kollegen einzuarbeiten, und haben ein breites und individuell anpassbares Programm an Kursen. Da wir täglich abteilungsübergreifend arbeiten, erhält jeder bei Blum tiefe Einblicke in unsere Prozesse. Wir möchten Stärken stärken, Handlungsbedarf schnell erkennen und mit unterschiedlichen Maßnahmen die Menschen in unserem Unternehmen weiterbringen. Das kann ein Feedbackgespräch, ein Lernprojekt, eine Teamklausur, ein Konferenzbesuch, ein Seminar oder ein Lehrgang sein. Das Lernen über digitale Kanäle ist eine gute Ergänzung dazu. So versuchen wir, uns für die heutigen wie auch für die zukünftigen Aufgaben und Herausforderungen zu wappnen.

Die Lehrlingsausbildung ist für uns weiterhin sehr wichtig. Im Herbst 2019 fangen bei uns wieder 103 Jugendliche ihre Lehre bei Blum an. Wir entwickeln unser Ausbildungsprogramm stetig weiter, fördern unsere Lehrlinge individuell in fachlichen und sozialen Kompetenzen und rüsten sie so für die Arbeitswelt.