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Lustvoll in die neuen Zeiten!

 

Spannender als jeder Krimi offenbart sich die Zukunft der Arbeit auch als Zukunft unserer Gesellschaft

 

„Wer über das gute Leben nachdenkt, darf die Arbeit nicht ausklammern“, betont AK-Präsident Hubert Hämmerle. Im Gegenteil: Arbeit und Leben bedingen einander. Sie dürfen keine Gegensätze sein. Aber werden sie nicht immer mehr dazu? Hier die Unternehmen, die händeringend nach Fachkräften suchen, um immer mehr immer schneller und immer besser zu produzieren. Dort die Menschen, denen die Erwerbsarbeit nicht mehr alles gilt, die Familie und Freizeit nicht länger hintanstellen wollen. Hier die Digitalisierung und Automation, die Fabrikhallen leerfegen, dort die Menschen, die Arbeit und Entlohnung brauchen, um das Leben bezahlen zu können. Hier stetig wachsende Anforderungen, dort Burnout. Hier das lebenslange Lernen, dort die Angst vor dem Versagen.

 

Wie wird sie sein, die Zukunft der Arbeit? Wie lange werden wir überhaupt arbeiten müssen? Oder dürfen? Schlurfen angesichts der Bevölkerungsentwicklung demnächst Greise durchs Büro? Und werden wir überhaupt noch Arbeit haben in der Zukunft? Oder werden Vordenker wie Hannah Arendt, Ralf Dahrendorf oder Jeremy Rifkin mit ihrer Rede vom „Ende der Arbeit“ recht behalten?

 

Wir haben mit Experten in Theorie und Praxis gesprochen und die Blicke schweifen lassen. Fazit: Es wird spannend, aber nicht düster. Ganz im Gegenteil. Geradezu „lustvoll“ treten dieser noch schleierhaften Zukunft Menschen wie der Dornbirner Zukunftsforscher Klaus Kofler entgegen.

 

Längst im Gange

 

Die Zukunft hat ja längst begonnen. Ob bei Vorarlbergs größtem Arbeitgeber, dem Höchster Beschläge-Hersteller Blum, der sich eben anschickt, die Kernarbeitszeit aufzulösen, oder in den kleinen Teams der Omicron Electronics GesmbH, die sich weitgehend eigenständig organisieren. Der Rankweiler Automobilzulieferer Hirschmann Automotive macht in der „smart factory“ Millionen von Daten nutzbar. Dort blättern Schichtleiter nicht mehr durch 15 Seiten dicke Fertigungsaufträge. Sie arbeiten am Tablet. So wie illwerke vkw ihr tausende Kilometer langes Energienetz immer mehr virtuell überwacht:mit GPS-Empfänger und Tablet oder AR-Brille.

 

Kein Zweifel: Die Zukunft der Arbeit ist digital. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der rund 80 Prozent der Österreicher über 14 ihr Smartphone bedienen, durchwirkt die unsichtbare Macht zwischen 0 und 1 die Arbeitswelt. Das tut sie lange schon. Die Folge: Arbeitsplätze verschwinden, neue entstehen. Roboter übernehmen Routineaufgaben. Der klassische Maschinenbediener etwa hat bald schon ausgedient. Der qualifizierte Mitarbeiter in Instandhaltung und Wartung sowie Prozessüberwachung hingegen ist (noch) ersehnte Mangelware.

 

Die größte Herausforderung der Digitalisierung aber packt Zukunftsforscher Klaus Kofler in einen Satz: „Wir müssen den analogen Mensch in eine funktionierende Symbiose mit dieser Welt der Digitalisierung verbinden.“ Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Denn wir stehen an der Schwelle zu einer Welt, in der die alten Modelle der industriellen mechanischen Vergangenheit nicht mehr taugen. Die neuen Strategien wollen erst entwickelt werden. „Die alte Welt stirbt gerade, die neue aber ist noch nicht vollkommen sichtbar. Das ist die Zeit der Dilettanten, der Angstmacher und Scharlatane, der Geister und Dämonen.“ Aus diesem Grund spricht Kofler nicht darüber, wie wir künftig leben werden. „Das wäre Humbug.“ Wohl aber, „wie wir leben könnten“. Denn die Zukunft birgt beileibe nicht nur Schrecken, wenn etwa die UN den Teufel des millionenfachen Arbeitsplatzverlustes an die Wand malt. Die Zukunft, das bedeutet auch enormes Potential. Kofler denkt stellvertretend an Watson, den Superrechner von IBM, der 80 Billionen Rechenschritte für die Dauer eines Wimpernschlags  ausführen kann…

 

Neue Qualifikationen

 

Den Beschäftigten der Zukunft verlangt das viel ab. Flexibel müssen sie sein, darin sind sich alle einig. Flexibel und lernbereit. Aber die Anforderung gilt auch für die Arbeitgeber. Verlangen die neuen Arbeitszeitmodelle Verfügbarkeit rund um die Uhr, gehen sie zulasten der Arbeitnehmer. Die Folgen wären unabsehbar. Arbeitsmediziner wissen das. So hat sich die Anzahl der Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen seit Mitte der 1990er Jahre in Österreich verdreifacht.

 

Beweisen aber beide Verantwortungsbewusstsein, werden die Nine-to-five-Jobs durch freiere Arbeitsplätze mit deutlich mehr Gestaltungsspielraum ersetzt. Wann und wo Arbeit erledigt wird, spielt immer weniger eine Rolle. Arbeitnehmer werden mündiger. Der US-amerikanische Soziologe Paul Hay spricht von „Kulturell-Kreativen“, die das Ruder übernehmen. Der Begriff zielt weit über die Arbeitszeit hinaus. Er beschreibt einen neuen Typus des Arbeitnehmers: Soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Eigenverantwortung sind ihnen wichtig, Lebensqualität spielt eine große Rolle. Sie wollen nicht mehr alles schlucken, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen. Im Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden künftig noch viel mehr Vertrauen und Verantwortung eine Hauptrolle spielen. Dann entstehen in der Tat neue Lebens- und Arbeitsmodelle.

 

Weiterbildung als Grundton

 

Die Zukunft der Arbeit wird dick und rot unterstrichen mit „Weiterbildung“ übertitelt. Nur, wer am Ball bleibt, wird bestehen. Die Bereitschaft dazu den Arbeitnehmern abzuverlangen, ist die eine Sache. Ihnen die nötige Zeit dafür zu lassen, die andere.

 

Lernen zeigt heute schon vielerorts ein anderes Gesicht: Die deutsche Unternehmensgruppe Festo mit weltweit 20.000 Mitarbeitern hat für die Aus- und Weiterbildung eine Ideenschmiede und Lernfabrik installiert. Der Weg weist von der manuellen zur intellektuellen Zusammenarbeit. Deshalb verringert die Digitalisierung die soziale Kommunikation auch nicht – soziale Kompetenz wird nötiger denn je. Das Siemens Elektronikwerk Amberg – 2018 mit dem „Industrie 4.0-Award“ ausgezeichnet – schickt seine Mitarbeiter in der Fertigung samt und sonders zum Moderations- und Kommunikationstraining. Und das Unternehmen honoriert gute Ideen gesondert: Rund eine Million Euro werden jährlich an Mitarbeiter für deren Verbesserungsvorschläge ausgeschüttet.

 

Aber das allein genügt nicht. Zukunftsforscher Klaus Kofler moniert, dass die Jugend von heute mit den Mitteln von gestern für morgen ausgebildet wird. „Sie lernen in Systemen, die es so nicht mehr gibt. Dabei müsste man sie vielmehr in Skills ausbilden. Im kritischen Denken unterrichten…“

 

Immer mehr Höherqualifizierte

 

Ja, die Lust am lebenslangen Lernen gilt als eine der Kernkompetenzen in der Zukunft der Arbeit. Und die Gesellschaft verändert sich dorthin, wenn auch schleppend. Tatsächlich sinkt die Zahl der gering Qualifizierten Jahr für Jahr. Das Europäische Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (CEDEFOP) ist für Fragen der Berufsbildung zuständig. Die Prognose von CEDEFOP sagt voraus, dass der Anteil der Hochqualifizierten am Arbeitskräfteangebot EU-weit von 31,2 Prozent im Jahr 2013 auf rund 38 Prozent bis zum Jahr 2025 steigen wird. Der Anteil der Geringqualifizierten hingegen, die im Jahr 2000 mit rund 31 Prozent noch fast ein Drittel des Arbeitskräfteangebotes ausmachten, dürfte von 21,5 Prozent im Jahr 2013 bis 2025 weiter auf unter 14 Prozent sinken.

 

Erwerbstätige in Österreich, nach höchster abgeschlossener Schulbildung, 2004 und 2014

 

20042014 Veränderung
AbsolutProzent
Pflichtschule 620.700536.800– 83.900– 13,5 %
Lehrabschluss 1.426.2001.560.000133.8009,4 %
Berufsbildende Mittlere Schule 560.000553.800– 6.200– 1,1 %
Höhere Schule 594.400744.100149.70025,2 %
Universität, FH, Hochschulverwandte Lehranstalt 475.500718.100242.60051,0 %
Gesamt 3.676.800 4.112.800 436.000 11,9 %

Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus Jahresdaten

 

Hoffnungsbranchen

 

Der technologische Wandel treibt diese Entwicklung entschieden voran. Entsprechend positiv fallen die Beschäftigungsprognosen der EU fauch ür die sogenannten MINT-Berufe aus:Während die EU für alle Berufe insgesamt bis 2025 ein Wachstum von drei Prozent voraussagt, sollen es in Mathematik, IT, Naturwissenschaften und Technik 13 Prozent werden.

 

Mag.a (FH) Katharina Neuhofer, stellvertretende Leiterin des AMS Vorarlberg, erwartet aber auch Beschäftigungszuwächse „in allen Betätigungsfeldern, die Klimawandel, Ressourcenknappheit und Umweltschutz zum Thema haben“.

 

Klimawandel, Ressourcenknappheit und Urbanisierung sind die drei Megatrends der Green Economy. Wie sehr auch über das wahre Ausmaß des Klimawandels gestritten wird; allein die Umsetzung des „Energiefahrplans 2020“ in der EU soll 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. In ihren 36 Mitgliedsstaaten erwartet sich die OECD bis 2030 rund 20 Millionen neue Jobs durch Green Economy. Allein im Bereich der Erneuerbaren Energien sind aktuell geschätzte 1,2 Millionen Europäer tätig. In Österreich wuchs die Zahl der Umweltbeschäftigten von 2008 bis 2013 um stattliche 10,4 Prozent. Einiges lässt sie also erwarten, die Green Economy, die den Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie auflöst und die nachhaltiges Wirtschaften mit sozialer Inklusion und Wohlstandseffekten koppelt. Die Phantasie reicht von der digitalen Mülltonne bis zur Windkraft und weit darüber hinaus.

 

Berater in allen Lebenslagen

 

Und sonst? Erzeugt die zunehmende Automatisierung am Arbeitsplatz postwendend einen riesigen Bewegungs- und Gesundheitsmarkt, ist Zukunftsforscher Matthias Horx überzeugt. Der deutsche Publizist und Trendforscher sieht die Kommunikations- und Erlebnis-Kultur boomen und eine Unmenge neuer Dienstleistungen am Horizont. „Wenn alles schreit und lärmt, vermehren sich die Yoga-Lehrer exponentiell.“ Wer in der Informationsflut, die tagtäglich über uns hereinschwappt, unterzugehen droht, braucht Orientierung. So bricht die Stunde der persönlichen Berater an: Der persönliche Gesundheits-Coach, der Wohlstands-Guide, der Bildungs-Berater, der Mobilitäts-Agent treten auf den Plan. Das ist weniger utopisch, als es klingt. Die AK Vorarlberg hat mit „wieweiter.at“ eine niederschwellige Bildungsberatung gegründet. Sie schafft Orientierung im Dickicht der Anbieter und Möglichkeiten. Heuer haben schon 490 Menschen Rat gesucht.

 

Chancen einer alternden Gesellschaft

 

Auch, dass unsere Gesellschaft altert, wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. In Österreich wird der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter bis 2030 auf 62,2 Prozent sinken, die Bevölkerungsgruppe 65 plus wächst beinah auf ein Viertel (23,4 Prozent) an. Das hat einen wachsenden Bedarf an Gesundheits- und Pflegeleistungen zur Folge, bedeutet aber auch enorme Kaufkraft: Schon heute stammt jeder dritte ausgegebene Euro von Senioren. Die meisten haben genügend Geld, um ihre Jahre zu gestalten. Das lässt eine Menge neuer Jobs abseits der Pflege entstehen, etwa im Freizeit-, Sport-, Reise- und Gesundheitsbereich.

 

Neue Werte in der Arbeit

 

Die Zukunft der Arbeit wird durch einen Wertewandel geprägt sein. „Neue Werte wie Selbstverwirklichung werden an Bedeutung gewinnen“, schreibt die Politikwissenschaftlerin Friedericke Hardering in einem Essay zum Thema. Seit 2014 leitet sie an der Universität Frankfurt ein Forschungsprojekt über das Sinnerleben in der Arbeitswelt. „Die Beschäftigten interessieren sich mehr für die Inhalte der Arbeit statt für den Lohn.“ Ihre Arbeit muss einen Sinn haben. Der gesellschaftliche Beitrag des Tuns läuft in seiner Bedeutung der Erwerbsarbeit den Rang ab.

 

Aber Vorsicht: Der Inhalt der Arbeit und die soziale Absicherung des arbeitenden Menschen lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. „Beide Aspekte sind für die Beschäftigten wichtig und sind Bestandteil der Erwartungen an gute Arbeit.“ Gute Arbeit bedeutet keineswegs Selbstausbeutung im Dienst einer höheren Sache. Sie beinhaltet vielmehr immer auch soziale Einbettung und Anerkennung.

 

Umverteilung der Arbeitszeit

 

Vielleicht bringt die Zukunft der Arbeit noch in ganz anderer Hinsicht eine gerechtere Gesellschaft hervor. Dann nämlich, wenn die Arbeit gerecht verteilt wird. Das ist sie derzeit nicht. Die AK hat das bereits 2015 österreichweit untersucht und goss die Ungleichheit in Zahlen: 610.000 Menschen bzw. 17,5 Prozent aller unselbstständig Erwerbstätigen wollten demnach ihre Arbeitszeit verringern. 304.000 Menschen (8,7 Prozent) wollten sie erhöhen. Vollzeitarbeitskräfte wollten durchschnittlich um eine Stunde und 48 Minuten pro Woche kürzer, Teilzeitarbeitskräfte um zwei Stunden und 42 Minuten länger arbeiten. Saldiert man die Arbeitszeitwünsche, ergibt sich ein Wunsch nach einer Arbeitszeitverkürzung im Ausmaß von 50.000 Vollzeitarbeitsplätzen.

 

Die Arbeitszeit umzuverteilen, hätte zahlreiche Effekte. Erst im Juni 2019 haben britische Forscher eine Studie publiziert, für die Daten von 71.000 Berufstätigen aus der größten soziologischen Langzeitstudie der Welt ausgewertet wurden. Fazit: Schon wenige Arbeitsstunden heben die psychische Gesundheit. Die Studie zeigt, dass die 40-Stunden-Woche keineswegs grundsätzlich gut für den Menschen ist. „Langfristig könnte ein Vier-Tage-Woche Standard oder Urlaubszeiten ausgeweitet werden“, schreiben die Forscher.

 

Grundeinkommen oder Grundkapital?

 

Und vielleicht wird die neue Welt, die da heraufdämmert, noch ganz andere Umwälzungen mit sich bringen. Stichwort bedingungsloses Grundeinkommen. Die Idee ist alt. Der britische Staatsmann Sir Thomas More schlug 1516 in seinem Roman „Utopia“ vor, statt der Bestrafung von Dieben allen Menschen im Land einen Lebensunterhalt zu zahlen. In Österreich machte der Feldkircher Jesuit Herwig Büchele gemeinsam mit der Stuttgarter Sozialwissenschaftlerin Lieselotte Wohlgenannt 1985 das Thema salonfähig. Ihr Buch „Grundeinkommen ohne Arbeit“ schlug wie eine Bombe in den politischen Diskurs.

 

Am 18. November 2019 ist es nun soweit: Die österreichische Bevölkerung darf in einem Volksbegehren über die Idee einer Verankerung in der Bundesverfassung abstimmen. Jedem Staatsbürger stünden demnach 1200 Euro bedingungsloses Grundeinkommen zu. Aber ist das möglich? Es ist vor allem sehr teuer. Anfang 2019 wären über sechs Millionen österreichische Staatsangehörige anspruchsberechtigt gewesen. Das Programm würde jährlich etwa 92 Milliarden Euro kosten. Das entspricht knapp der Hälfte der gesamten Staatseinnahmen. Also, folgert der Prof. Dr. David Stadelmann, Volkswirtschaftler an der Universität Bayreuth, „müssten wir Steuern um rund 50 Prozent erhöhen“. Die Initiatoren rund um Vereinsobmann Helmo Pape sehen das anders. Eine Finanztransaktionssteuer in Höhe von 0,94 Prozent aller in Österreich getätigten Finanztransaktionen sollte zur Finanzierung genügen. „Was aber, wenn ich meine Finanztransaktionen einfach woanders durchführe?“, kontert Stadelmann, der auch die Finanzierung durch die Abschaffung des Sozialstaats mit all seinen Transfers und Unterstützungen für Unsinn hält. „Denn den Sozialstaat werden wir weiterhin brauchen.“ Stadelmann redet stattdessen einem  Grundkapital das Wort: Jeder Staatsbürger erhielte zu seinem 18. Geburtstag einen Grundkapitalstock von rund 60.000 Euro. Damit kann er tun, was er will.“ Finanzieren würde das Stadelmann unter anderem durch Studiengebühren, die den realen Kosten des Studierens entsprechen. „Damit hätten wir auch eine fairere Gesellschaft.“