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Von der Befreiung des Menschen

Prof. David Stadelmann sieht Zukunft der Arbeit chancenreich – statt Grundeinkommen fände er Grundkapital gerechter


Die neuen Technologien versklaven den Menschen nicht, sie nehmen ihm so viel ab, dass er wieder mehr Mensch sein kann. David Stadelmann lehrt Volkswirtschaft an der Universität Bayreuth. Er sieht die Zukunft chancenreich.

 

Angesichts von Digitalisierung und Globalisierung fragen sich viele bang: „Braucht‘s mich überhaupt noch?“ Aber der Bregenzerwälder Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. David Stadelmann würde das lieber umgekehrt sehen: „Wir werden gar nie genug Roboter und neue Technologien haben“, sagt er und zieht Vergleiche mit der Vergangenheit. Mit den 1920er Jahren zum Beispiel. Allein der Name steht synonym für Massenarbeitslosigkeit, „obwohl wir da noch keine Roboter hatten.“ Wenn es Arbeit gab, war sie viel beschwerlicher, unangenehmer als heute. Und sie hatte nicht annähernd denselben Effekt auf dem Lohnkonto: „Wir können uns heute schlichtweg viel mehr leisten.“

Nein, eine Zeitreise in die Arbeitswelt von damals würde wohl niemand freiwillig antreten. Aber auch der Vergleich zwischen Ländern heutzutage redet der Digitalisierung das Wort: „In jenen Ländern, in denen Roboter, neue Technologien und Kapital vorhanden sind, geht es den Menschen besser.“

 

Jobs verändern sich

 

Aber werden die neuen Technologien, wie sie in der Industrie 4.0 zum Einsatz kommen, nicht massenweise Jobs kosten? Abermals widerspricht Stadelmann mit einem Beispiel. Die Jobs verschwinden nicht, sie verändern sich. „Das war immer schon so. Die junge Frau, die früher monoton Texte abtippen musste, wurde irgendwann zur Sekretärin aufgewertet. Jetzt braucht es die klassische Sekretärin immer weniger, also wird sie Sachbearbeiterin oder Assistentin.“ Die Sachbearbeiterin wiederum befreit sich von Routinetätigkeiten und wird Kundenberaterin. Künftig aber wird die Beraterin – in einer Bank etwa –  zur Spezialistin, wenn es ums einfühlsame Kundengespräch geht… Kurzum: „Jeder Schritt bedeutete eine Verbesserung.“ Aber natürlich ist auch Stadelmann bewusst, dass gewisse Tätigkeiten wegfallen werden. 1970 gab es noch 368.000 Bauernhöfe in Österreich, 2017 waren es noch 162.000.

Die Welt verändert sich. Und sie tut es rasend schnell. „Etwas auf 30 Jahre vorherzusagen, ist schon ziemlich heroisch.“ Das Internet ist ja kaum 40 Jahre alt. „Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass Online-Marketing so relevant wird? Oder Online-Dating?“ Tradierte manuelle Fertigkeiten sind deshalb keineswegs zum Aussterben verurteilt. Stadelmann glaubt vielmehr das Gegenteil: „Handwerk gewinnt an Bedeutung.“ Warum? „Weil die Leute etwas Besonderes wollen. Und sie können sich das heute auch leisten.“ So könnte die Digitalisierung zu einer Renaissance des Handwerks führen.

 

Gewinner und Verlierer

 

Überhaupt sieht Stadelmann Gewinner und Verlierer dort, wo man sie nicht vermuten würde. „Tätigkeiten etwa, wie sie Juristen ausführen, könnten Maschinen auch erlernen.“ Empfehlungen, Gutachten sieht Stadelmann durchaus als digitale Variante und so um vieles kostengünstiger. „Oder ein Notar? Der bedient sich oft der Standardverträge. Das könnte Computerprogramm auch. Wenn ich heute ein Haus um 500.000 Euro kaufe, fallen ungefähr ein bis drei Prozent des Kaufpreises Notarkosten an. Dabei sollte hier viel automatisierbar sein und damit zu sehr günstigen Preisen führen…“

„Ein Lkw-Fahrer dagegen muss nicht nur fahren, er lädt auf und ab, füllt Formulare aus, hält Kontakt zum Kunden. Der Gärtner, der Hauswart – „ich sehe generell Chancen für Leute, die vielseitig sowie flexibel und diskret sind und vertrauensvoll Tätigkeiten verrichten.“

„Warum setzen wir überhaupt künstliche Intelligenz und Roboter ein?“, fragt Stadelmann: „Weil wir wettbewerbsfähig sein wollen.“ Weil der Einsatz der Technologie relativ billiger ist als die menschliche Arbeitskraft.“ Dadurch werden Produkte billiger. Wenn Produkte aber billiger werden, können wir uns mehr davon leisten. Es bleibt uns mehr Geld für das Schöne übrig, das Kunsthandwerk, die Serviceindustrie… Dort sieht Stadelmann neue Jobs entstehen.

 

Andere Kompetenzen

 

Um den Anforderungen der neuen Arbeitsmärkte gerecht zu werden, muss der Menschen Flexibilität beweisen und lebenslang lernen. „Dabei geht es nicht nur um formale Bildung, sondern auch um spezifisch technische, angewandte, künstlerische.“ Es geht auch um  Charaktereigenschaften. Dadurch, dass der Roboter die repetitiven Tätigkeiten übernimmt, kann der Mensch wieder mehr Mensch werden. Insofern stehen wir möglicherweise am Rande einer großen Befreiung.

Die freilich auch Schattenseiten hat, Stichwort Freelancer: „Die werden zunehmen.“ Sie sind einerseits ihr eigener Chef. Aber sie stehen ständig unter Druck, ihr Leben gestaltet sich versicherungstechnisch schwierig. Sie werden oft schlecht bezahlt. Und doch „machen sie  etwas, was ihnen besonders gefällt“. Das erscheint immer mehr Menschen die Mühe wert zu sein. „Glücksstudien sagen uns, dass Menschen unglücklicher werden, wenn sie arbeitslos sind. Selbst, wenn sie in ihrer Arbeitslosigkeit dasselbe Einkommen beziehen, fühlen sie Unglück. Ihnen fehlen die sozialen Kontakte, die Aufgabe, der Sinn.

Der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, wie sie in Österreich im November ein Volksbegehren zur Debatte stellt, steht Stadelmann übrigens kritisch gegenüber. „Im Grunde haben wir ja bereits ein Grundeinkommen. Niemand muss in Österreich verhungern und erfrieren. 700, 800 Euro haben wir schon sicher unter Bedingungen.“ Wenn man aber 1200 Euro ausbezahlt, würde das rund einem Drittel dem Medianeinkommen entsprechen. „Um das zu finanzieren, müssten wir Steuern um die 50 Prozent erhöhen.“ Es über eine Finanztransaktionssteuer zu finanzieren, greift in Stadelmanns Augen zu kurz: „Dann mach ich meine Finanztransaktion halt woanders…“ Und bedingungslos ist so ein Grundeinkommen schon gar nicht. „Ich könnte ja damit einen Kredit aufnehmen von rund 450.000 Euro, indem ich das Grundeinkommen verpfände. Wenn ich dann aber arbeitslos oder krank werde, brauche ich staatliche Hilfe, da mein Grundeinkommen ja für die Tilgung draufgeht. Den Sozialstaat erspare ich mir also nie.“ Wenn man das Grundeinkommen aber nicht verpfänden darf, „dann ist es nicht mehr bedingungslos“.

Stadelmann tritt nicht für ein Grundeinkommen,  sondern für ein Grundkapital ein: Jeder Staatsbürger erhielte zu seinem 18. Geburtstag einen Grundkapitalstock von – sagen wir – 60.000 Euro. Damit kann er tun, was er will.“ Finanzieren würde es Stadelmann unter anderem durch Studiengebühren, die den realen Kosten des Studierens entsprechen. „Damit hätten wir eine fairere Gesellschaft. Jetzt werden Studenten praktisch von den Lehrlingen finanziert.“ Nachsatz: „Wir brauchen ohnedies mehr Lehrlinge und weniger Studierende. Lehrlinge werden längst nicht so leicht weggedrängt von den Robotern, die heute so manchem Angst machen“.

 

 

Zur Person: David Stadelmann

Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der heute 37-jährige Sibratsgfäller Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Er ist heute Autor zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge in Fachzeitschriften. Beim Gesellschaftsforum FAQ Bregenzerwald über die Auswirkungen neuer Technologien auf unser Arbeitsleben unter dem Titel: „Braucht’s mich noch?“